Flucht ins Freiamt und zurück nach Muhen
29.07.2021 Region, KolumneDem 200. Geburtstag des geschichtsträchtigen Gauners Bernhart Matter (geboren 21. Februar 1821) widmet das WB eine Reihe von Berichten und Erzählungen, die aus dem Buch von Nold Halder über den bekannten Gauner und Ausbrecherkönig stammen.
mars. Nach ...
Dem 200. Geburtstag des geschichtsträchtigen Gauners Bernhart Matter (geboren 21. Februar 1821) widmet das WB eine Reihe von Berichten und Erzählungen, die aus dem Buch von Nold Halder über den bekannten Gauner und Ausbrecherkönig stammen.
mars. Nach seinem Ausbruch in Aarburg beging Matter diverse Einbrüche und Diebstähle, was zu wachsamen Polizisten führte. In seinen bevorzugten Schlupfwinkeln in und um Muhen wurde es ihm zu heiss. In Anglikon wohnte nun die Näherin, Elisabeth Steinmann, die er früher einmal in Aarau auf dem Tanz kennen gelernt hatte. Bei deren Familie suchte Matter Unterschlupf. Gegen ein billiges Entgelt nahm man ihn willig als Kost- und Schlafgänger auf, ohne zu wissen, dass es Matter sei. Er hatte sich der Jungfer gegenüber als Meyer von Aarau ausgegeben.
Gerade noch entkommen
Am Abend des zweiten Tages kam ein anderer Untermieter der Familie Steinmann aus dem Wirtshaus nach Hause und erzählte, soeben hätten einige Landjäger im Wirtshause einen Unbekannten aufgegriffen, in der Meinung, es sei der Matter. Es hätte sich dann aber ausgestellt, dass es ein Zürichbieter gewesen sei, der sich bloss über die vergeblichen Matterjagden im lustig gemacht hätte. Matter war die Anwesenheit der Landjäger in Anglikon nicht geheuer und somit hielt er es für geraten, sich gleich von den Steinmanns auf französisch zu verabschieden. Das war sein Glück, denn kaum war er aus dem Hause, als auch schon die Landjäger zur Hausdurchsuchung bei den Steinmanns vorsprachen, die nicht ohne Schrecken vernahmen, was für einen sauberen Vogel sie da unwissentlich beherbergt hatten.
Wie aber waren die Fahnder auf Matters Spur gekommen? Bezirksamtmann Weissenbach in Bremgarten berichtet hierüber an die Polizeidirektion in Aarau, er habe durch Zufall Kenntnis erhalten, dass sich seit zwei Tagen ein Verdächtiger bei der Elisabeth Steinmann aufhalte, dessen Signalement nicht unähnlich demjenigen des berüchtigten Matter sei, worauf er für die Nacht vom 21. auf den 22. März eine Patrouille von fünf Landjägern auf die Fahndung nach Matter ausgeschickt habe. Es war deren Pech, dass sie sich zuerst im Wirtshause in Anglikon um den «schnorrenden Zürichbieter» kümmerten, statt den Fuchs gleich in der Höhle aufzustöbern.
Aber Matter hatte es nicht etwa eilig davon zu kommen, er vertraute seinem Stern. Von Anglikon ging er gemächlich nach Dottikon und kehrte hier im Wirtshaus zur Sonne ein. Er kam gerade recht, denn es suchten der Ammann von Dottikon, der Sonnenwirt Peter Nauer und dessen Knecht eben einen vierten Partner für einen Schieber. Matter wurde also eingeladen, am Kartenspiel teilzunehmen. Er stellte sich als ein Metzger Hauri von Seon vor, woran die Anwesenden nicht zweifelten, denn Matter trug ein gestreiftes Metzgerjakett, wie es damals unter Metzgern Mode war. Das Spiel nahm einen recht anregenden Verlauf, denn Matter benahm sich galant, sprach geläufig und berichtete zwischendurch von seinem Aufenthalt in Paris und Le Hâvre, wie die Beteiligten nachträglich erzählten. Mittlerweile war es 11 Uhr geworden und das Spiel sollte noch etwa zweimal herumgehen, da kam ein Dottiker in die Wirtsstube gelaufen und sagte, man solle Feierabend machen, es seien Landjäger im Dorf und suchten den Matter. Der Ammann und der Knecht eilten sogleich hinaus. Matter wurde totenblass, berichtete später die Schwester des Sonnenwirts, er nahm seine Dächlikappe und wollte ebenfalls hinauseilen. Der Wirt hielt ihn jedoch zurück, indem er sagte, er, Hauri, könne wohl hier bleiben, er sei ja fremd hier und könne beim Absuchen des Dorfes kaum behilflich sein. Also blieb Matter und schickte den freundlichen Wirt in den Keller, um noch eine vierte Flasche Wein heraufzuholen. Als der Sonnenwirt wieder in die Gaststube trat, war der Gast verschwunden.
Matter hatte seinen Knotenstock in der Eile stehen lassen. Natürlich wusste jetzt der Wirt, woran er war, und als man ihm anderntags das Porträt Matters vorwies, erkannte er darin sofort seinen Gast vom Vorabend, des gleichen der Knecht und der Ammann.
Matter war allerdings wieder entwischt und wie man feststellen konnte, hatte er bei der Tieffurtmühle im Westen Dottikons die dort ziemlich hoch gehende Bünz durchwatet und war Richtung Dintikon verduftet.
Am meisten ärgerte sich der Bezirksamtmann von Bremgarten über die misslungene Fahndung. Zweimal hatte der Fisch im Netz gezappelt und zweimal war er durch die Maschen geschlüpft. Dies nicht ohne Verschulden der Landjäger, wie Weissenbach in seinem Bericht vom 24. März drastisch feststellte: «Von Anglikon begaben sich die Jäger nach Dottikon und zogen, ob aus Furcht oder um demselben gehörigen Respekt einzuflössen, gleich zu fünft ins Dorf hinein. Dadurch ward es möglich, dass ein Dottiker im Übereifer die Gäste in der Sonne von der geheimzuhaltenden Massnahme unterrichten konnte.»
Nun sollte man meinen, Matter wäre genügend gewarnt gewesen. Doch dieser blieb mit frecher Sorglosigkeit in der Gegend und delinquierte fröhlich weiter. Noch in der gleichen Nacht beging er in Dintikon einen Einbruch.Als er mitten in der Nacht durchs Dorf lief, stach ihm plötzlich die neu beschriftete Krämertafel des Bernhard Meier in die Augen. Kurz entschlossen riss Matter einen Fensterladen auf, drückte das Fenster ein und stieg in das Verkaufslokal, wo er eine Schnur voll Feigen und ein halbes Kistchen Cigarren stahl. Dann schraubte er das verriegelte Schloss einer anstossenden Türe los und nahm aus dem verschlossenen Schranke einer Stube 50 Franken, sowie eine an der Wand aufgehängte silberne Sackuhr. Dann begab sich Matter auf der breiten Landstrasse über Lenzburg nach Muhen, wo er sich wieder unbehelligt bei der Familie Lüscher im Spenglerhäuslein einnistete. Nach Matters eigenen Angaben haben die Lüschers Tag und Nacht für ihn Wache gestanden, sodass er vor jeder Hausdurchsuchung sich hinten hinaus in den nahen Wald in Sicherheit begeben konnte.

