500 Franken auf Matter ausgesetzt
22.07.2021 Unterkulm, Kolumne, RegionDem 200. Geburtstag des geschichtsträchtigen Gauners Bernhart Matter (geboren 21. Februar 1821) widmet das WB eine Reihe von Berichten und Erzählungen, die aus dem Buch von Nold Halder über den bekannten Gauner und Ausbrecherkönig stammen.
mars. Nachdem ...
Dem 200. Geburtstag des geschichtsträchtigen Gauners Bernhart Matter (geboren 21. Februar 1821) widmet das WB eine Reihe von Berichten und Erzählungen, die aus dem Buch von Nold Halder über den bekannten Gauner und Ausbrecherkönig stammen.
mars. Nachdem sich Matter bei Dr. Zschokke in Seon seinen beim Ausbruch in Aarburg erlittenen Fussschaden hatte behandeln lassen, begab er sich in der Nacht vom 11. auf den 12. März 1953 nach Suhr, drang durch ein eingebrochenes Fenster in das Haus des Georg Kyburz ein und nahm aus der Speisekammer 5 Pfund Käse, einige Mass gebranntes Wasser und 30 Pfund Fleisch, was er alles aus Erkenntlichkeit gegenüber der Familie Lüscher ins Spenglerhäuschen nach Muhen brachte. Zwei Tage nachher, in der Nacht vom 14. auf den 15. März ging er nach Aarau zum Haus des Herrn Frei-Hotz, und da er die Haustüre verschlossen fand, bohrte er kurzerhand ein Loch neben das andere, bis er ein «geviertes Stück habe eindrücken, mit der Hand hineinlangen, den Schlüssel, der inwendig im Schloss gesteckt, umdrehen und auf diese Weise die Türe habe aufschliessen können». Im Büro zerbrach Matter einen« Warenbehälter» und entnahm diesem einen Sack mit etwas Geld; im ersten Stock sprengte er eine Zimmertüre auf und fand in der Schublade einer Kommode mit nachtwandlerischer Sicherheit die gesamte Haushaltungskasse mit etwas über 200 Franken Inhalt. Silberzeug verschmähte er diesmal, da er besonders Bargeld zur Anschaffung von Kleidern benötigte.
In Unterkulm
In der darauf folgenden Nacht erschien Matter vor dem Bezirksgefängnis in Kulm und fragte dort einen zur Untersuchung eingesperrten Müller durchs Kellergitter, ob er der wegen ihm, Matter, verhaftete Rudolf Lüscher sei? Als sich Müller zu erkennen gab, fragte ihn Matter, ob er wisse, wo Lüscher eingesperrt sei, er wolle ihn nämlich «aus dem Loch herausholen», er sei unschuldig. Müller rapportierte diesen Vorfall dem Gefangenenwart, der nach Aarau berichtete, worauf der Regierungsrat für die Bezirke Aarau, Kulm, Zofingen und Lenzburg die Nachtwachen verstärkte und für die Ergreifung des sich immer dreister gebärdenden Matter einen Preis von 500 Franken aussetzte.
Verhör und interessante Erkenntnisse
Leutnant Schweri vom kantonalen Landjägerkorps nahm den in Kulm inhaftierten Müller noch besonders ins Gebet, da sich ergab, dass Müller über Matters Absichten ziemlich auf dem Laufenden war. Besonders betonte er Matters Auswanderungspläne. Er, Müller, sei nämlich einmal bei den Lüschers im Spenglerhaus gewesen, und da sei ziemlich viel über Matter geschwatzt worden. Unter anderem habe die eine Tochter einen Brief von dem berüchtigten Suter von Seon, der sich jetzt in Amerika befinde und der die Familie Lüscher eingeladen habe, herüberzukommen, vorgelesen. Dieser Brief enthalte Verschiedenes und Wichtiges, Matter betreffend, welches der Polizei von Interesse sein könnte. Die Alte trage denselben gewöhnlich im Sacke ihres Jupes nach, oder er liege im Kasten unter den Hemden, wo er möglicherweise gefunden werden könnte. Es gehe daraus hervor, dass Matter beabsichtige, mit den Lüschers nach Amerika zu reisen; er kenne einen Herrn in Basel, der eine Tavernenwirtschaft im Elsass besitze, der wolle Matter nach Amerika verhelfen, wie er auch dem Suter von Seon geholfen habe. Sodann denunzierte Müller die Schlupfwinkel Matters im «obern Tal». Am häufigsten halte er sich in der Spenglerhütte in Muhen auf. Wenn Matter oder seinesgleichen bei den Lüschers Einlass begehren, so müsse man an der Haustüre dreimal anklopfen. Dann sei er auch ein willkommener Gast eines gewissen Hunzikers und Hartmanns, der ein Haus im Nack, Gemeinde Kirchleerau und eines «im Markstein», Gemeinde Triengen, besitze. Das Haus im Markstein, das von Hunzikers Schwager bewohnt sei, besitze ein «verborgenes Gehalt» im hintern Gaden ob dem Stübli, wo Hunziker das den Dieben um billigen Preis abgenommene Diebesgut verstecke. Hunziker sei Hehler und Anstifter in einer Person und ein grosser Freund von Matter. Im Stübli könne man übrigens durch eine Öffnung in einen Keller hinabsteigen, von wo man in den Garten und ins Freie gelangen könne. Selbstverständlich liess sich die Polizei diese Fährte nicht entgehen. Die Häuser im Nack und im Markstein wurden durchsucht, aber es fand sich hier weder verdächtiges Gut noch irgend eine Spur von Matters zeitweiliger Anwesenheit. Nichtsdestoweniger wurden die Polizeidirektion des Kantons Luzern als auch das Bezirksamt Zofingen ersucht, von Zeit zu Zeit bei Hunziker nach Matter zu fahnden.
Weiteres Verhör
Auch die schon erwähnte Verena Lüscher im Talacker zu Muhen wurde neuerdings ins Verhör genommen, da es hiess, sie werde von Matter mit Geld unterstützt. Verena gab zu, seit ihrer letzten Niederkunft, als sie in Not gewesen, von Matter zur Erleichterung ihrer Lage 2 Guldenstücke, 1 Fünffrankentaler und 10 Franken neue Währung angenommen zu haben. Er habe ihr viel Geld versprochen, wenn sie mit ihm nach Amerika auswandern wolle, sie wolle aber weder mit noch ohne Matter nach Amerika. Übrigens habe Matter in einem Keller in Muhen viel Geld und Gold- und Silberwaren vergraben. Letztere verkaufe er an Elsässerjuden, die ihn gelehrt hätten, die festesten Schlösser aufzubrechen. Matter sei nun schon ziemlich lange nicht mehr in den Talacker gekommen.
Nächtliche Besuche
Einmal kam er in einer stürmischen Nacht, suchte ein Paar trockene Strümpfe und blieb dann folgenden Tags und die folgende Nacht im Haus des Wagnerjakoben. Er liess damals Kaffee, Zucker und Wein holen, was er bezahlte. Ein andermal sei er in einer mondhellen Nacht gekommen und habe eine Mass Wein, Brot und Käse mitgebracht. Auf der Höhe hinter dem Haus habe ein Unbekannter Wache gestanden. Nach zwei Stunden sei Matter wieder gegangen und sei mit dem Unbekannten gegen das Refenthal hinüber verschwunden. Seither habe sie nichts mehr von Matter vernommen, sie wisse nicht, ob er überhaupt noch in der Gegend sei.
Matter war tatsächlich nicht mehr in der Gegend! Der Boden in Muhen war ihm zu heiss geworden und so verzog er sich ins Freiamt. In Anglikon wohnte nämlich die Näherin, Elisabeth Steinmann, die er früher einmal in Aarau auf dem Tanz kennen gelernt hatte. Bei ihr fand er Unterschlupf.

