Streiflicht
17.06.2021 KolumneRealität
Der Titel dieser Kolumne war ursprünglich kürzer, böser. Ich wollte den Begriff jedoch nicht in Schriftgrösse 36 auf die Titelseite schreiben, weil es gar nicht um dieses böse Wort geht, sondern um den Zusammenhang, mit ...
Realität
Der Titel dieser Kolumne war ursprünglich kürzer, böser. Ich wollte den Begriff jedoch nicht in Schriftgrösse 36 auf die Titelseite schreiben, weil es gar nicht um dieses böse Wort geht, sondern um den Zusammenhang, mit dem es dieser Tage in auffälliger Weise Verwendung fand. Ein Wort, das bei jüngeren Generationen im gewöhnlichen Sprachgebrauch längst Einzug gehalten hat. Um auf den Punkt zu kommen reicht es an dieser Stelle jedoch, wenn es erst in der 16. Zeile und in der letzten Zeile des Kleingedruckten steht. Es geht um das Wort «Fuck». Neudeutsch steht es für eine deftige Unmutsäusserung, die weiter geht als «Blöd» oder «Mist». Aufgefallen ist mir dieser Ausdruck diese Woche zweimal. Zuerst brauchte Andreas Weibel, ein Mann in einer Chefposition bei der SP, das Wort mehrmals im Zusammenhang mit der Ablehnung des CO2-Gesetzes an der Urne. Lässt man das böse Wort weg, bleibt im Tweet von Weibel nicht weniger als das: «Alle, die Nein gestimmt haben: Ihr seid Idioten und elende Egoisten.» Man kann zugegebenermassen geteilter Meinung sein, ob das Gesetz gut oder schlecht war und klar ist auch, dass wir nicht mehr lange auf diese Weise mit der Welt umgehen können. Der Mehrheit nach verlorener Abstimmung aber Fluchwörter an den Kopf zu werfen, statt sich an der eigenen Nase zu nehmen, spricht eher für eine Realitätsverweigerung.
Zum zweiten Mal begegnete mir das böse Wort, nachdem der dänische Fussballer Christian Eriksen an der Fussball-EM plötzlich zusammengebrochen war. Es entstanden emotional geprägte Diskussionen, bei denen ohne das böse Wort folgendes übrig blieb: Das «erbärmliche SRF» hätte ins Studio schalten müssen, die «Idioten von der korrupten Uefa» hätten das Spiel abbrechen müssen, am besten sogar die ganze EM. Auch hier mag man unterschiedlicher Meinung sein über die Geistesgegenwart von TV-Sendern und Fussballverbänden – und dennoch: Das Denken und Handeln anderer im Nachhinein mit Beleidigungen herabzuwürdigen, hat auch in diesem Fall wenig mit der Anerkennung der Realität zu tun.
Die sieht nämlich so aus: Man hat dem Volk an der Urne eine Frage gestellt und das Volk hat geantwortet. Eine Person, die sich gerne ins Schaufenster stellt, ist zu Schaden gekommen und darf sich nicht wundern, wenn auch das gesehen werden will. Besser wäre es, so dünkt mich, nicht in die Falle des fluchenden Gutmenschen zu tappen, sich der Sprache der jüngeren Generationen zu bedienen und das Ganze einfach mal in Gedanken mit einem herzhaften «Fuck» abzuhaken.
REMO CONOCI
