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06.05.2021 KolumneBarmherzig mit mir selber
«Warum bist Du so unbarmherzig mit Dir selber?» mit dieser Frage hat mich vor kurzem eine Gesprächspartnerin überrascht. Wie sie dazu käme, mir diese Frage zu stellen, wollte ich betroffen wissen. Was ich im ...
Barmherzig mit mir selber
«Warum bist Du so unbarmherzig mit Dir selber?» mit dieser Frage hat mich vor kurzem eine Gesprächspartnerin überrascht. Wie sie dazu käme, mir diese Frage zu stellen, wollte ich betroffen wissen. Was ich im Anschluss daran zu hören bekam, gab mir echt zu denken und wird mich wohl nicht so schnell wieder loslassen. Weil ich mir vorstellen kann, dass diese Thematik nicht nur meine persönliche «Schlagseite» in den Fokus nimmt, sondern auch ein paar meiner Mitmenschen mehr oder weniger betrifft, hat sie sogar ihren Weg in diese Kolumne gefunden.
Durch die zu Beginn gestellte Frage und die sich daran anschliessenden Gedanken habe ich gemerkt, dass das, was ich bisher durchaus als positiv eingestuft hatte und mit Begriffen wie Fleiss, Selbstdisziplin und Leistungsbereitschaft bezeichnen würde, offenbar auch ganz anders, weit weniger positiv, gesehen werden kann. Ich beschloss, mich der ungewohnten Sichtweise meiner Gesprächspartnerin nicht zu verschliessen und mich – wenn auch zugegebenermassen nicht unbedingt gerne – in Frage stellen zu lassen mit den Erwartungen, die ich an mich selber habe und die seit vielen Jahren mein Verhalten weitgehend bestimmen. Im Nachhinein ist mir deutlich geworden, dass es diesbezüglich, wie bei vielen andern Dingen auch, auf’s Mass ankommt. Diszipliniertes Verhalten, leistungsorientiertes Schaffen, mit Leib und Seele in meinen Aufgaben engagiert sein, kann durchaus gut und zielführend sein, es kann aber auch zu einem «zu viel» ausarten und ungute Folgen haben. So wie es der Ausspruch «Allzu viel ist ungesund» auf den Punkt bringt. Es gilt das rechte Mass zu suchen. Sich weder zu rasch zufrieden zu geben mit dem Erreichten, noch sich selber bis zur Erschöpfung zu verausgaben. Das sind wir nicht nur uns selber schuldig, sondern auch unseren Angehörigen, Arbeitskolleginnen und Gemeindegliedern. Und nicht zuletzt auch dem, der uns erschaffen und in Seinen Dienst genommen hat, Jesus Christus. Und unserem Vater im Himmel, der die regelmässigen Ruhetage erfunden hat und immer wieder zum Innehalten, Krafttanken und Stillesein einlädt. Und Gottes Geist, der uns leise weise Impulse gibt, wenn wir denn darauf achten und uns davon führen lassen.
In der lebendigen Beziehung zum dreieinigen Gott wächst mir Barmherzigkeit zu. Das stimmt mich dankbar und hoffnungsfroh. Ich vertraue, dass sich in Bezug auf meine alte «Schlagseite» eine heilvolle Besserung einstellen kann.
Die diesjährige Jahreslosung «Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist» (Lukas 6, 36) hat im Zusammenhang mit diesen Gedanken eine zusätzliche Dimension erhalten. Nämlich: dass die Ermahnung zum barmherzig Sein auch im Umgang mit mir selber unbedingt zu beachten ist. Mein Vater im Himmel, der mir mit Barmherzigkeit begegnet, ermächtigt mich barmherzig zu sein zu meinen Mitmenschen – und zu mir selber.
Rosemarie Müller-Rüegger, ref. Pfarrerin in Schöftland
