Streiflicht
22.04.2021 KolumneTeppich
Kürzlich habe ich dieses Video gesehen: Ein kleiner Bub, der sich kaum auf den Beinen halten konnte, stapelte Klötze. Soweit ist das noch keine grossartige Leistung, geschweige denn ein Grund, darüber in der Zeitung einen Gedanken zu ...
Teppich
Kürzlich habe ich dieses Video gesehen: Ein kleiner Bub, der sich kaum auf den Beinen halten konnte, stapelte Klötze. Soweit ist das noch keine grossartige Leistung, geschweige denn ein Grund, darüber in der Zeitung einen Gedanken zu verlieren. Wäre da nicht diese unbändige Freude gewesen, die den kleinen Knirps mit jedem neuen Klotz ereilt hat. Als es ihm gelang, einen weiteren Klotz auf den Turm zu stellen – der seine Körperlänge längst überragt hatte – quietschte der kleine Erdbewohner und konnte sich nicht mehr halten vor Freude. Er drehte sich im Kreis, streckte die Arme in die Luft, stolperte mehrfach über seine kleinen Beine und landete mit dem Füdli auf dem Teppich. Dann strahlte er seine ganze Welt an, als wäre der ganze Planet in allerbester Ordnung. Wie könnte es auch anders sein! Nichts in seinem Blickfeld deutete auf einen Missstand hin, alle freuten sich und auch der Teppich eignete sich bestens, um ein paarmal hinzufallen, ohne gleich in Tränen auszubrechen.
Mir fällt gerade selber auf, dass ich in dieser Rubrik lieber das Positive heraushebe, als mich in den Kanon des Zähneknirschens einzureihen. Dafür gab es aus der Leserschaft Lob, aber auch Tadel. Viel wichtiger sei es doch, den Finger auf das zu richten, was schief läuft. Ich schaue mir das Video also noch einmal mit veränderter Perspektive an: Das Wohnzimmer ist nicht aufgeräumt, da steht glaube ich sogar eine Pflanze, die giftig sein könnte – und das mit einem Kleinkind im Haus! Wann wurde der Teppich wohl das letzte Mal gesaugt? Der Göifer und die Brösmeli darin – eine einzige Keimschleuder! Und dieser Turm: er ist ja nicht einmal gerade und wenn man die Klötze näher anschaut, sind sie nämlich dreckig – was müssen das für verantwortungslose Eltern sein!
Sie haben es sicher gemerkt: Schimpfen ist nicht so mein Ding. Natürlich werden auch die Sorgen in dieser Kolumne wieder Platz finden, keine Sorge.Aber nicht heute. Heute ist nämlich der internationale Tag der Erde, die sich glücklicherweise weiterhin dreht. Ich will mich heute mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, einfach darüber freuen, was wir an unserer Erde und ganz besonders an unserer schönen Schweiz haben. Wir sollten quietschen, uns im Kreis drehen, die Arme in die Luft strecken, mehrfach über die eigenen Beine stolpern und auf dem Teppich landen, ohne gleich in Tränen auszubrechen. Wenigstens eine Zeitungskolumne lang.
REMO CONOCI
