Streif licht
30.07.2020 KolumneWeinen
Alle reden von Corona. Nehmen wir also eine Auszeit und machen die Ausnahme. So spekulieren wir doch wieder einmal über das Wetter. Dieses Phänomen droht in diesen virusgeplagten Zeiten beinahe unterzugehen. Wären da nicht noch unsere ...
Weinen
Alle reden von Corona. Nehmen wir also eine Auszeit und machen die Ausnahme. So spekulieren wir doch wieder einmal über das Wetter. Dieses Phänomen droht in diesen virusgeplagten Zeiten beinahe unterzugehen. Wären da nicht noch unsere Wetterfrösche am Radio und auf dem Meteodach: Das Wetter ginge glatt vergessen. Genauso wie die schönste Nebensache der Welt: der Fussball. Seit Corona hat dieses Millionengeschäft seine einst überragende Bedeutung schlagartig verloren. Zum Wetter: Es soll Leute geben, die finden die Diskussionen über Sonnenschein oder Regen reinste Zeitverschwendung. Sie gehen viel pragmatischer vor, öffnen ganz einfach die Fensterläden oder kurbeln die Sonnenstoren hoch, und schon ist für sie klar, was sich draussen abspielt … Nicht so, ganz anders die Meteobranche. Ihre Protagonisten zelebrieren oft und gerne nicht nur auf- oder abziehende Tief- und Hochdruckgebiete, sondern gelegentlich auch sich selber. Kurz: Das Wetter und die damit verbundenen Prognosen sind heute eine «Show». Die vom Freizeitaktivismus geprägte Gesellschaft will wissen, woran sie ist. Doch was in jüngster Zeit wieder so alles an Erkenntnissen auf uns niederprasselt, ist kaum in Worte zu fassen. So haben die Experten beinahe Hemmungen, wenn sie statt Sonnenschein einen wolkenverhangenen Himmel präsentieren müssen. Dann predigen sie mit grosser Eloquenz um den heissen Brei herum, als wären sie Politiker und müssten um ihre Wiederwahl bangen. Heikel, heikel: Es wird herumschwadroniert und nach allen möglichen und unmöglichen Erklärungen gesucht, weshalb das Wetter so und nicht anders ist. Schliesslich erwartet unsere schöngesichtige Gesellschaft auch schöne Aussichten. Also Prognosen nach dem Motto: Was ist am Feierabend, am Wochenende möglich? Unlängst kamen einem Wetterprofi beinahe die Tränen. Grund: Wir hätten bis Mitte Juli 2020 noch keinen einzigen Hitzetag eingezogen. Und auch die Tropennächte fehlten bisher fast gänzlich. Fehlen? Wem denn? Uns Normalen sicher nicht. Wir freuen uns an einem bisher sehr ausgeglichenen Sommer 2020 mit viel Sonnenschein, aber auch wohltuenden Tiefdruckgebieten. Auf Hitzerekorde oder eine Jahr für Jahr steigende Anzahl schwüler Tropennächte ist ausser den Meteoerklärern kaum jemand «giggerig». Sie werden so oder so kommen, ja sie sind bereits da!
MARTIN SUTER
