Seetal wird nun doch nicht Aprikosenland
31.01.2020 Egliswil, SeengenAm nördlichen Ende des Hallwilersees, in den Gemeinden Egliswil und Seengen, sollte die schweizweit grösste Aprikosenanbaufläche unter Folientunneln entstehen. Ende August 2018 wurde die Anlage im Beisein von Regierungsrat Dr. Markus Dieth feierlich eingeweiht – jetzt ...
Am nördlichen Ende des Hallwilersees, in den Gemeinden Egliswil und Seengen, sollte die schweizweit grösste Aprikosenanbaufläche unter Folientunneln entstehen. Ende August 2018 wurde die Anlage im Beisein von Regierungsrat Dr. Markus Dieth feierlich eingeweiht – jetzt steht das Projekt vor dem Ende.
rc. Die Idee hinter dem Projekt war eine gute: Kürzere Transportwege bis zum Konsumenten, weniger Gift, das in die Umwelt gelangt. Unterstützt wurde das Unterfangen fachlich vom Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg und finanziell vom Kanton Aargau. Auf dem Land der Seetaler Obstproduzenten Robert Siegrist (Seengen) und Urs Baur (Egliswil) sollte eine Bio-Produktion entstehen, die in den nächsten Jahren bis 9 Tonnen Früchte hätte liefern sollen.
Doch soweit wird es nicht kommen. Der Regierungsrat – unter dessen Beisein die Anlage mit viel Medienpräsenz eröffnet wurde – muss zurückkrebsen. Er hat eine Beschwerde von Umweltverbänden gutgeheissen, wonach die Foliendächer im gesetzlichen Rahmen des Landschaftsschutzes nicht bewilligungsfähig sind. Dem Entscheid geht das Versäumnis voraus, für die Anlage lediglich auf Gemeindeebene eine Baubewilligung eingeholt zu haben, nicht aber beim Kanton. Die bestehenden Folientunnel müssen deshalb zurückgebaut werden.
Weiterzug ans Verwaltungsgericht
Konfrontiert mit dem Entscheid des Regierungsrates zeigt sich der Egliswiler Landwirt Urs Baur enttäuscht und will diesen an das Verwaltungsgericht weiterziehen. Er versteht nicht, wie die Folien «in einem nicht zumutbaren Ausmass stören sollen, wo doch seit Jahren in Sichtweite oben am Eichberg zwei Folientunnels stehen, die niemanden zu stören scheinen», sagt er gegenüber der «Aargauer Zeitung». Diese stünden sogar in Sichtweite des Hallwilersees und seien von einer umliegenden Landschaftsschutzzone ausgenommen worden.
Pro Natura Aargau dagegen feiert den regierungsrätlichen Beschluss: Geschäftsführer Johannes Jenny überreicht die zweiseitige Medienmitteilung mit den Worten: «Plastik ist das Zaubermaterial unserer Landwirtschaft geworden. Abdeckungen, die in der Gegend herumfliegen und immer mehr Folientunnels sind das Resultat», das Landwirtschaftsland sei vor der zunehmenden Verpackung unserer Landschaft in Plastik zu bewahren. Präsident Matthias Betsche erklärt in besagter Medienmitteilung: «Aprikosen wachsen im Aargau nicht im Freien, sie sind keine natürlichen Landwirtschaftsprodukte des Aargaus. Nur unter künstlichen Bedingungen mit ständiger Abdeckung durch Folientunnels sind diese Kulturen überlebensfähig.»
Kampfgebiet Hallwilersee
Pro Natura ist rund um den Hallwilersee auch an anderer Stelle tätig geworden, denn auch zu den geplanten Terassenhäusern in unmittelbarer Nähe zum Boniswiler Seeanstoss hat man sich Mitte Januar geäussert: Bauten, die so nahe am Hallwilersee und den Schutzgebieten erstellt würden, seien aus der Sicht des Verbandes nicht zulässig. Dem gegenüber steht allerdings die Tatsache, dass das Vorhaben in der dafür vorgesehenen Bauzone geplant ist. Der Hallwilersee wird im Gerangel der Interessen mehr und mehr zum Kampfgebiet. Ganz allgemein hält Präsident Matthias Betsche in Sachen Landschaftsschutz und Biodiversität im Aargau mit Kritik nicht zurück und weist auch das vom Kanton vorgeschlagene Programm «Natur 2030» (siehe Kasten) zurück: «Der Kanton verhält sich widersprüchlich: Zum einen bestätigt er selbst, dass zusätzliche Flächen für Kerngebiete und ökologische Infrastruktur dringend notwendig wären, um die Biodiversität im Aargau nachhaltig zu sichern. Andererseits schlägt er mit dem Programm Natur 2030 bei weitem nicht das vor, was er selbst als eigentlich zum Schutz der bedrohten natürlichen Lebensgrundlagen für notwendig erachtete».
Auch eine Kostenfrage
Wie es mit den Folientunnels im Seetal weitergeht, entscheidet voraussichtlich das Verwaltungsgericht, vielleicht sogar das Bundesgericht. Wird der Entscheid des Regierungsrates bestätigt, wird zu klären sein, wer die Kosten und Ertragsausfälle zu bezahlen hat.

