Rettungskräfte bekommen ein Gesicht
09.07.2019 KolumneWenn bei Unfällen oder anderen Katastrophen in den Medien die Meldung kommt: «die Rettungskräfte sind im Einsatz, ein Care-Team wurde aufgeboten», können wir uns beruhigt zurück lehnen und denken, dass Hilfe vor Ort ist. Wir können dann zur Tagesordnung ...
Wenn bei Unfällen oder anderen Katastrophen in den Medien die Meldung kommt: «die Rettungskräfte sind im Einsatz, ein Care-Team wurde aufgeboten», können wir uns beruhigt zurück lehnen und denken, dass Hilfe vor Ort ist. Wir können dann zur Tagesordnung übergehen und vielleicht nur ab und zu dem Geschehenen einen kurzen Gedanken widmen. Die sogenannten Rettungskräfte sind dazu ausgebildet, sie machen ihre Arbeit schon richtig…
Als ich einmal bei einem verheerenden Brand einer Scheune mit verbrannten Tieren mit vor Ort war, kam mir die ehemalige Pfarrerin von Kirchleerau, Ruth Zimmermann, entgegen. Wir wechselten ein paar Worte miteinander, denn ich wunderte mich, sie da zu sehen, immerhin forderte der Brand glücklicherweise keine Menschenleben. Sie erklärte mir, dass sie Mitglied des Care-Teams sei und deshalb nun aufgeboten wurde. Auf die Frage, was sie nun tun müsse, erklärte sie mir, dass man den Geschädigten einfach helfen müsse, das Ganze zu verarbeiten. Manchmal bedeutet das Trost zu spenden, mit anderen betet man vielleicht, man bietet ihnen eine Schulter zum Ausheulen oder manchmal ist ganz einfach Schweigen angesagt. Um im Care-Team erfolgreich aktiv zu werden, erfordere dies sehr viel Einfühlungsvermögen und ein Eingehen auf die Hilfebedürftigen ohne Wenn und Aber. Die eigene Person wird dabei ganz in den Hintergrund geschoben, wichtig ist einzig und allein das Wohl der Personen, die betreut werden müssen. Was das Care-Team dabei an Elend und Not antrifft, muss für den Moment in den Hintergrund rücken. Für mich bekam das Care-Team damit «ein Gesicht», und ich denke mit Ehrfurcht an die Arbeit, die nun geleistet werden muss, wenn ich höre: «Ein Care-Team ist aufgeboten worden.»
Das Bestattungsunternehmen Erika und Heinrich Hochuli konnte das 10-jährige Bestehen der Schöftler Niederlassung feiern. Ich war damals bei der Eröffnung mit dabei, und ich war auch zugegen, als Heinrich Hochuli zusammen mit der damaligen Regierungsrätin Susanne Hochuli zum Sonntagstalk im Bürgersaal des Restaurants Schlossgarten eingeladen war. Heinrich Hochuli berichtete damals aus dem Alltag eines Bestattungsunternehmens. Ich war beeindruckt. Die Familie Hochuli kenne ich seit vielen Jahren, zumal Heinrichs Bruder Christoph an verschiedenen Musikschulen Schlagzeugunterricht erteilt und seine Ehefrau Petra den Schülern das Klavierspiel beizubringen versucht. Christoph Hochuli hilft auch im Betrieb von Heinrich mit, wenn es mal erforderlich ist.
Als unlängst dieser schreckliche Unfall in Moosleerau passierte, als ein zehnjähriger Junge von einem Lastenzug tödlich verletzt wurde, berichteten alle Medien ausführlich darüber. Das Regionalfernsehen Tele M1 war sehr früh schon vor Ort. Jedenfalls konnte man unter den Rettungskräften das Gesicht von Erika Hochuli erkennen, die hier ihres Amtes als Bestatterin zu walten hatte, absolut professionell, emotionslos und rationell – ohne dass die Pietät darunter leiden dürfte. Ich erschrak, denn ich stellte mir vor, was sich in ihrem Innern bei diesem Anblick abspielen muss. Sie ist selber Mutter von Teenagern. Ich könnte diesen Anblick vermutlich nicht ertragen und schon gar nicht professionell daran mitarbeiten. Im Innern hoffte ich, dass sich auch für Erika Hochuli ein Mitglied des Care-Teams etwas Zeit nehmen würde.
Auch hier bekamen die Rettungskräfte plötzlich ein Gesicht und die Hochachtung für alle Menschen, die sich mit solchen Dingen beschäftigen müssen, steigt unwahrscheinlich. Ebenso das Vertrauen in sie, aber auch die Hoffnung, dass sie nicht allein gelassen werden, wenn sie das Elend eines Tages auch nicht mehr ertragen und eigenständig verarbeiten können.
Frieda Steffen
