KOLUMNE ÜBER ERINNERUNG, FRONDIENST UND GEMEINDWOHL
02.11.2018 KolumneAllerseelen, ein Gedenk- und Bedenktag
Er vermag Erinnerungen zu wecken und Geschehenes abzurunden. Vieles verstehen wir erst in der Rückschau. Alles braucht eben seine Zeit, muss seinen Reifungsprozess durchlaufen. Dieser goldene Herbst liess ...
Allerseelen, ein Gedenk- und Bedenktag
Er vermag Erinnerungen zu wecken und Geschehenes abzurunden. Vieles verstehen wir erst in der Rückschau. Alles braucht eben seine Zeit, muss seinen Reifungsprozess durchlaufen. Dieser goldene Herbst liess die vielen Früchte zur vollen Süsse reifen und reichlich ernten. Der Herbst des Lebens rückt unsere Vergangenheit ins richtige Licht. Während ich am Muttertag meiner geliebten Mutter gedenke, mache ich seit dem Tod meines lieben Vaters Allerseelen zum Vatertag. Die Seele kann man nicht anfassen, aber berühren.
von Felici Curschellas
Vaters Leben war vielfältig, sein Wirken für die Gemeinschaft segensreich. So segensreich, dass er kurz vor seinem 100. Geburtstag ruhig und friedlich, begleitet von seiner geliebten Orgelmusik und umgeben von seinen Kindern, in den Schlaf der Seligen hinübergehen konnte. Dies ohne schlimme Krankheiten oder Spitalaufenthalt verkraften zu müssen. In seiner Obhut habe ich, 1937 geboren, die Schattenseiten des 2. Weltkrieges überstanden. An seiner Hand habe ich den starken Aufschwung und grossen Wandel in der Nachkriegszeit erfahren. Vater war ein Mann für jede Jahreszeit und Tätigkeit; er hat mir Geschichte erklärt und Geschichten erzählt. Dies alles hat mich schon früh geprägt.Vater war, wie der Volksmund sagt, eine gute Seele. Als mein Hauslehrer hat er mich oft von oben angeschaut und gefragt: «Fliesst die Zeit durch die Welt oder die Welt durch die Zeit?» Noch höre ich ihn sagen:
«Zeit und Leben sind da, um gelebt zu werden»
Als Kind waren seine Gedanken für mich wie unerreichbare Berggipfel. Ich verstand nicht genau, was er sagen wollte, habe über seine Sätze gerätselt; viele habe ich als Kostbarkeiten behalten. Als ich es schaffte, Berge zu besteigen, wurde mir Vaters Philosophie immer klarer. Einen Satz hab’ ich als Erstklässler auf Anhieb verstanden, weil er mich damit trösten, grösser machen wollte «Kleine Pferde bleiben länger Fohlen».
Mein Vater war Sekundarlehrer; dies in einer Zeit als das Schuljahr im Bündnerland nur 26 Wochen dauerte und belohnt wurde. Für die andere Hälfte war der Selbstversorger gefragt und gefordert. So war Vater im Nebenerwerb Kleinbauer mit Hühnern, Schafen, einigen Ziegen, zwei Schweinen, einer Kuh und einem guten Dutzend Bienenvölker, die seine Leidenschaft waren. Als geschulte und gescheite Person hat er schon früh seine Stärken erkannt und Prioritäten gesetzt. Die Kleinlandwirtschaft wurde meiner Mutter, einer Magd und uns sieben Kindern überlassen. Seine schulfreie Zeit galt immer mehr der Öffentlichkeit und dem Gemeinwohl. Als Organist und Chorleiter war er sein Leben lang nur für Gotteslohn in der Pfarrei tätig. Daneben ist er allen mit Rat und Tat beigestanden. Als wir um 16 Uhr von der Schule kamen, sass ein Bittsteller bereits in seinem Arbeitszimmer, ein anderer wartete in Mutters Stube und ein dritter öffnete im Flur aufgeregt einen Brief. Es war die Zeit, als Deutsch im Dorf noch Fremdsprache und vor allem schriftlich nicht allen geläufig war. Ich kann mich nicht erinnern, dass Vater für diese Sprechstunden je Rechnung gestellt oder hohle Hand gemacht hat. Seine Maxime war:
«Helfen, das ist, wozu wir da sind»
Mit der Einführung der AHV 1948 war seine kostenfreie Beratertätigkeit erst recht gefragt. Dies hat dazu geführt, dass er von allen älteren Personen im 600 Seelendorf ihr Geburtsdatum oder zumindest Jahrgang kannte. An meinem Vater bemerkte ich schon früh Sinn für Gerechtigkeit und Soziales «Wer mehr kann und hat, muss auch mehr leisten und geben». Er hat alles stets reiflich überlegt und besprochen. Mit strenger Unbeugsamkeit gewonnene Einsichten führte er meistens zu einem guten Ende. Sanftmut war ihm dabei wichtiger als Übermut. «Gewinn bringt nur der Prozess, den man nicht führt», hab’ ich von ihm gelernt. Er verachtete den eitlen Ruhm, scheute keinen Aufwand und bewies Ausdauer.Wichtig war ihm die Person, die ihm gerade gegenüberstand. Er hörte bereitwillig zu und hatte das richtige Gefühl, wo Strenge oder Milde angebracht war. «Wenn richten, dann aufrichten», war einer seiner Grundsätze.
Als Einzelkind aufgewachsen, was damals eine Ausnahme war, lebte Vater gern in und für die Gemeinschaft. Er hatte viele Ehrenämter inne, leistete also Frondienst für das Gemeinwohl. Hochgewachsen und engagiert wurde er als Persönlichkeit geschätzt, weil er fähig war, auch die Angelegenheiten anderer zu besorgen. Vater hat vielen vieles, den Seinen alles gegeben. Er schätzte die wahren Philosophen und zeigte sich nachsichtig gegen jene, die es nur zum Schein waren. Philosophie bedeutete für ihn: Lernen zu leben. Im Umgang war er ernst, scherzte selten, war jedoch stets zuversichtlich und frohen Mutes.
In meinen Augen war bei meinem Vater manches ausgeprägter. Seine Gefühle zeigte er selten nach aussen, er lebte sie nach innen, still und mehr im Verborgenen aus. Als Kind schlich ich einmal in sein Arbeitszimmer, weil unser Hund zu seinen Füssen lag. Ich sah ihn weinen, sah drei, vier langsam in den Gesichtsfurchen verrinnende Tränen; sie stockten auf seiner Haut und sahen aus wie Perlen, die er abgesondert hatte. Was geht in ihm vor, fragte ich mich, was kann meinen grossen und starken Vater so rühren, ihm diese Tränen entlocken? - Heute erlebe ich öfters beim Schreiben und Lesen einer mich berührenden Textstelle oder ein andermal einer ausdrucksstarken Musiksequenz, dass ich etwas von seinem Wesen in mir trage. – Übrigens, jede Erinnerung ist so schön, wie wir sie erleben, jeder Mensch so wertvoll, wie wir ihn im Herzen tragen. Unsere Vergangenheit machte uns zu dem, was wir heute sind. Heute entscheiden wir, wer wir morgen sein wollen. Da Unstimmigkeiten jeden Ort dieser Erde erreichen, sollten wir unseren eigenen Schutzraum mit harmonischen Gedanken und Gefühlen bewahren.
