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19.10.2018 FamilieAuffallend unauffällig
Wenn ich über mein Leben nachdenke, kommt bei mir manchmal der Eindruck auf: ich bin (zu) normal, ich falle nicht auf – und dies macht mich manchmal unzufrieden. Dabei habe ich Grund zur Dankbarkeit: Ich bin in einer intakten ...
Auffallend unauffällig
Wenn ich über mein Leben nachdenke, kommt bei mir manchmal der Eindruck auf: ich bin (zu) normal, ich falle nicht auf – und dies macht mich manchmal unzufrieden. Dabei habe ich Grund zur Dankbarkeit: Ich bin in einer intakten Familie aufgewachsen und hatte eine glückliche Kindheit. Ich kam recht gut durch die Schulzeit, war in keinem Fach ein Ass, aber auch nirgends ganz schwach. Bei Spielen im Turnunterricht wurde ich nicht als Erster gewählt, aber auch nicht als Letzter. Ich fand bald eine Lehrstelle und brachte hier wohl durchschnittlich gute Leistungen und schloss auch mit einem «gut» ab. Im Theologiestudium war ich «bei den Leuten», schloss gut ab, machte aber keine Doktorarbeit.Als Pfarrer arbeite ich gerne als Allrounder und bin auch hier kein Ausnahmetalent, kann meine Aufgaben aber wohl alle zufriedenstellend erfüllen. In Gruppen bin nicht ich der Entertainer, sondern eher der Zuhörer und Mit-Lacher; lieber als Smalltalk mit allen möglichen Leuten ist mir ein ernsthaftes Gespräch in kleinerer Gruppe.
Ich will mich hier nicht als 08.15-Mensch «outen», weil mir das so gefällt, sondern weil mich beschäftigt, dass wir Menschen so sehr auf das «Ausserordentliche» fokussiert sind, obwohl die meisten von uns wohl gerade nicht so ausserordentlich sind. Vielleicht geht es Ihnen auch so, dass sie sich manchmal so normal, so unauffällig, ja fast unsichtbar vorkommen und darunter leiden. Natürlich sind die herausragenden Talente, denen ich in meinem Umfeld begegne, für mich auch eine enorme Bereicherung und eine Herausforderung, von ihnen zu lernen, führen bei mir manchmal aber auch zu unguten Gefühlen wie Neid und Eifersucht und letztlich Undankbarkeit gegenüber Gott. Seine Antwort auf meine Unzufriedenheit lautet etwa so: «Warum nur vergleichst du dich ständig mit andern und schaust nicht auf die Talente (Matthäus 25,14-30), die ich dir gegeben habe? Warum nur siehst du meist nur, was dir fehlt und nicht, wie beschenkt du bist durch deine Frau, deine , deine Freunde und ja auch durch deine Gaben und Fähigkeiten, die du nicht unter den Scheffel stellen musst (Matthäus 5,14-15), sondern zu meiner Ehre einsetzen sollst?! Mehr ist nicht von dir verlangt, aber auch nicht weniger.» Natürlich weiss ich, dass ich bei Gott angenommen und geliebt bin wie ich bin; das sage ich auch andern Menschen oft. Aber ich muss es auch glauben wollen! Wenn auch Sie manchmal mit Minderwertigkeitsgefühlen zu kämpfen haben, rate ich Ihnen, sich selber öfter mit Gottes Augen zu betrachten und sich zu fragen, was vor Gott wichtig ist und was im Leben wirklich zählt. Mir gibt Gottes Gnade immer wieder Boden unter die Füsse, dass ich feste Schritte auf meinem Weg gehen kann. Das wünsche ich Ihnen auch!
Pfr. Daniel Hintermann, Schöftland
