Streiflicht
30.10.2018 KolumneMeeting
Dass es unter der Sonne kaum oder nur ganz selten etwas Neues gibt, wissen wir alle. Trotzdem: Einmaligkeiten, noch nie Dagewesenes, revolutionär Umwerfendes gehört zur marktschreierischen Werbung wie das Salz zur Suppe – ist nicht ...
Meeting
Dass es unter der Sonne kaum oder nur ganz selten etwas Neues gibt, wissen wir alle. Trotzdem: Einmaligkeiten, noch nie Dagewesenes, revolutionär Umwerfendes gehört zur marktschreierischen Werbung wie das Salz zur Suppe – ist nicht wegzudenken. Die kritischen Beobachter unter uns nehmen solche Superlative meist genüsslich zur Kenntnis, statt sich darüber zu ärgern. Vor diesem Hintergrund wäre es auch vermessen, den alleinigen Anspruch auf die Rubrik «Streiflicht» anzumelden. Obwohl diese Kolumne seit vielen Jahren zum Wynentaler Blatt gehört und aufgrund der Rückmeldungen auch gelesen wird, sind wir mit diesem Oberbegriff nicht allein auf der Welt. Streiflichter gibt es vermutlich so viele wie Streifschüsse … ob auf der Herbstjagd oder im Strassenverkehr. In der Süddeutschen Zeitung vom 26. Oktober, deren anmächelige und leserfreundliche Beiträge uns die Zeit während der Bahnreise in die Schweiz verkürzen, gibt es ebenfalls ein Streiflicht, genau genommen: Das Streiflicht. Es unterscheidet sich von jenem des Wynentaler Blattes einzig dadurch, dass es auf der Titelseite ganz links und nicht wie bei uns rechts platziert ist. Vermutlich eher ein gestalterischer Zufall und somit dem Layout zuzuordnen, jedenfalls frei von jeder politischen Wertung. Inhaltlich unterscheidet sich das süddeutsche «Streiflicht» kaum vom unsrigen: Es befasst sich mit Zeiterscheinungen, Momentaufnahmen und Auswüchsen der unterschiedlichsten Art. Ob gesellschaftlich, wirtschaftlich, kulturell oder politisch: Hier wird ebenfalls vieles kritisch ausgeleuchtet, manchmal sogar ins grelle Scheinwerferlicht gestellt. Der Text ist höchst amüsant, nimmt den heutigen Büroalltag messerscharf aufs Korn und die Führungskräfte in den gelben Turnschuhen samt den grassierenden Meetings auf den Arm. Meetings, so die Erkenntnis, würden im Grunde genommen immer gleich ablaufen: «Man meetet Leute, die man eigentlich nicht meeten will, weil man sie ständig meetet.» Während der restlichen Zeit führe sich jeder so auf, als sei er frei von Fehlern und natürlich: unentbehrlich. Vermutlich aus diesem Grund hätte kürzlich ein Karriereberater auf Spiegel Online geschrieben, dass sich eine gute Unternehmenskultur «nicht durch möglichst viele, sondern möglichst wenige Meetings» auszeichne. Das ist doch eine Hammer-Feststellung! Derart nahe am Leben, dass wir alle beim nächsten Meeting einmal unaufgeregt darüber nachdenken wollen/sollten…
MARTIN SUTER
