Die Basilika auf dem Hügel
28.09.2018 KolumneDie Basilika auf dem Hügel – so erlebe und erfahre ich die Stiftskirche St. Michael in Beromünster. Erhoben und erhaben thront sie in burgähnlicher Lage über den Dächern unseres Fleckens. Zu ihrem diesjährigen Festtag widme ich ihr gerne Worte der ...
Die Basilika auf dem Hügel – so erlebe und erfahre ich die Stiftskirche St. Michael in Beromünster. Erhoben und erhaben thront sie in burgähnlicher Lage über den Dächern unseres Fleckens. Zu ihrem diesjährigen Festtag widme ich ihr gerne Worte der Bewunderung und Dankbarkeit.
von Felici Curschellas
Als Haus Gottes unter den Menschen ist sie kein Privatbesitz, sondern ein weithin sichtbarer und allen zugänglicher Kraftort. Zusammen mit den einzigartigen Häusern im Flecken und der heimeligen Landschaft bildet sie schon aus der Ferne eine harmonische Einheit, die den lieblichen Charakter unseres ländlichen Raums prägt. Beromünster liegt dank seiner erhöhten Lage oft im Sonnenschein, wenn andere Orte noch von Nebel bedeckt sind. Es ist wohl diese sanfte Landschaft, die schon früh den sesshaft werdenden Menschen zur Besiedlung und Nutzung eingeladen hat. Unsere Vorfahren haben ihr ganzes Wissen, ihre Fantasie und Kunst aufgeboten, aller Welt und sich selber zu sagen: «Wir wohnen hier nicht allein, Göttliches wohnt unter uns!» Diese Gewissheit schenkt Lebenssinn, wir haben ein Zuhause.
Wahrlich, Haus ist weit mehr als eine Ansammlung von Steinen. Es ist Ausdruck von Geborgenheit. Unser Lebensraum ist gefügt: Vier Wände; die eigenen vier Wände; Boden unter den Füssen, nicht nur aus Holz oder aus Stein, sondern überhaupt; und ein Dach über dem Kopf; wir ragen nicht ins Leere. Ein Haus ohne Hoffnung ist wie eine Blume ohne Duft. Letztlich ist jedes Haus ein Stück Erfüllung der alten Sehnsucht, heim zu kommen; zu wissen, wohin ich gehöre und woher ich komme. Die Botschaft unserer Stiftskirche betrifft nicht nur den privaten Bereich, sondern die Welt.
Das Weltenhaus als Haus Gottes
Wie die Stiftskirche sich mit der Landschaft verbindet, so nimmt sie in Architektur, in der hervorragenden Malerei und Stuckatur die ganze Schöpfung auf. Die göttliche Geometrie des Mittelalters versucht in dieser Kirche den ganzen Kosmos einzufangen und die vom Schöpfer grundlegende Ordnung widerzuspiegeln. So weitet sich dieses Haus Gottes auf das Weltenhaus hin, wird zum Inbegriff einer Welt, die ihre Masse kennt und darum im Lot ist, also stimmig.
Ob wir von dieser Wahrheit des Glaubens, von der die Stiftskirche spricht, auch heute noch überzeugt sind? – Dann beginnen wir neu über die Wohnkultur im Weltenhaus nachzudenken. Über eine Wohnkultur, die allen Menschen Raum lässt und darauf achtet, dass das Haus selbst nicht zu Bruch geht. Haus, dieses Wort ist heute in aller Munde: Ökologie, darin steckt das Wort Haus; die Lehre vom Haus, der Hausverstand; die Lehre vom Gesamthaushalt der Natur. Was ist, hat seinen Platz im Zusammenhang des Ganzen. Die verschiedenen Lebensbereiche sind miteinander verbunden, vernetzt wie die Steine dieser Kirche. Gerät das Gesamtgefüge aus den Fugen des ökologischen Gleichgewichtes, so hat das Folgen. Keine Frage, das Weltenhaus ist heute in Gefahr – durch Menschen.
Wer die Welt verbessern will, indem er sie auf den Kopf stellt, verliert den Boden unter den Füssen. Wer den Himmel erstürmen und nach den Sternen greifen will, wird sehr schnell aus allen Wolken fallen. Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob wir wissen, wem wir uns und die Welt verdanken, oder ob wir uns selbst als Herren der Welt aufspielen, uns als Hausbesetzer gebärden. Die Konsequenzen liegen offen auf der Hand. Nicht nur im Blick auf die Zeit, die hinter uns liegt. Wenn es immer so weiter geht, dann geht es schliesslich nicht mehr weiter. Die Menschen, welche diese Kirche bauten, hatten eine Ahnung von diesen Zusammenhängen im Kosmos. Sie dachten ganzheitlich, weil sie das Weltenhaus als Haus Gottes erlebten und achteten.
Diese Stiftskirche ist ein Symbol
Ein Symbol für die Stimmigkeit im Weltenhaus. Ob wir dieses Wahr- und Mahnzeichen heute auch wahrnehmen und verstehen, ja befolgen? – Wer die Vergangenheit nicht kennt, den kann es die Zukunft kosten.Viele sind heute sorgfältig darauf bedacht, die Umwelt zu schützen. Gott sei Dank! Die Stiftskirche gibt uns Anstoss, in unserem Denken nicht beim Bleigehalt in der Luft zu bleiben. Viel entscheidender wirkt sich die geistige Atmosphäre aus, die wir einatmen, die Lebenseinstellung, die in der Luft liegt. Die Umweltkrise ist eine Krise des Menschen, der vergessen hat, wer Herr im Haus der Welt ist. Hier liegt die Wurzel der Krankheit unseres vermeintlich so gesunden Hausverstandes. Es stimmt von Grund auf etwas nicht, wenn der Mensch mit seiner Umwelt nicht mehr übereinstimmt. Dann versteht er eines Tages auch die Welt nicht mehr, und er versteht sich selbst nicht mehr, weil er mit dem Geschaffenen, mit der Schöpfung nicht mehr im Einklang ist. Gewiss, die Baustile ändern sich. Wir haben heute anders zu bauen als unsere Vorfahren. Doch, was sie beim Bauen bewegte, stellt sich uns als Herausforderung: Haus und Kirche als Heimat für Leib und Seele zu begreifen. Um Lebenssinn zu finden und die Zukunft zu sichern, müssen Menschen manchmal Schritte in die Vergangenheit wagen.
Stille ist das Atemholen der Welt
Besinnung ist der Weg, der den Menschen zu sich selber führt. Noch ist unsere Stiftskirche St. Michael vor allem ein Ort des Gottesdienstes.Täglich kommen zwar Dutzende, manchmal Hunderte, um sie zu besichtigen. Unter ihnen solche, die in der christlichen Tradition stehen, wohl auch viele, denen ihre Kirche fremd geworden ist, oder die keiner Kirche angehören. Sie alle lassen sich anziehen von diesem Bau, der unser Landschaftsbild vollendet. Trotz vorzüglicher Behandlung durch Denkmalpfleger ist die Stiftkirche bis heute kein blosses Museum für die Geschichte der Frömmigkeit, der Baukunst oder Ikonographie. Möge es der Kirche gelingen, den christlichen Geist, in dem dieser Bau zur Ehre Gottes errichtet wurde, den nachwachsenden Generationen in einer sie überzeugenden Weise zu vermitteln. – Übrigens, Michael stammt aus dem Hebräischen und heisst «Wer ist wie Gott?» Lateinisch «Quis ut Deus?» können Interessierte an der Frontseite der Stiftskirche gleich zweimal lesen. Wie lautet deine Antwort?
